Hat dich mal so richtig der Mut verlassen?

Vor wenigen Wochen hat mich so richtig der Mut verlassen - eine ganz neue Erfahrung....
Vor wenigen Wochen hat mich so richtig der Mut verlassen - eine ganz neue Erfahrung....

Irgendwie begegnet mir das Thema Mut in letzter Zeit immer wieder!

Hättest du mich vor einem Jahr gefragt: Bist du mutig? Hätte ich wohl gesagt: Nicht besonders.... Oder? Nein, eigentlich bin ich gar nicht so mutig. Es fällt nur nicht so auf, weil ich meistens vorher schon entscheide, den Situationen aus dem Weg zu gehen, die so richtig (meinen) Mut erfordern. Bungee - Jumping und Co. brauche ich nicht, mache ich nicht und brauche daher eben auch keinen Mut für solche Dinge.

Ok, wenn ich beim Yoga in den Kopfstand gehe, da braucht es ein bisschen Mut. Zählt das?

Fest steht: Falls dich der Mut mal so richtig verlassen hat, dann kannst du eigentlich stolz sein, denn dann hast du deinen Kopf schon aus deiner Komfort-Zone bewegt. Hat dich der Mut verlassen und du hast den Fuß wieder zurückgezogen? Kein Grund mit dir zu hadern, denn eines hast du dennoch erreicht: Du hast die nächste Tür aus deiner Komfort-Zone gefunden. Manchmal wird sie auch "Box" genannt. 

Du hast in den nächsten Raum geschaut: In die Zone deiner nächsten Entwicklungsstufe, herzlichen Glückwunsch! 

 Das nützt mir auch nichts, wirst du denken. Schließlich hat mich der Mut verlassen und bin wieder zurück in die Komfort-Zone gegangen.

 

Die Komfort-Zone ist übrigens die Zone, in der alles Gewohnheit ist: Unser täglicher Tagesablauf zum Beispiel, die immer gleiche Vorgehensweise, dieselbe Umgebung, kaum etwas, was uns mal herausfordert.

 

Zurück zu mir: Mich hat vor wenigen Wochen mal so richtig der Mut verlassen. Völlig unvorbereitet! Solche Situationen kenne ich gar nicht bei mir, denn wie gesagt, meist entscheide ich schon vorher: Mache ich nicht... nicht mein Ding!

Ich habe natürlich schon Entscheidungen getroffen, die meinen ganzen Mut erforderten, aber alles war so wohlüberlegt, dass ich es dann auch durchgezogen habe.

Als ich mit dieser Webseite online gegangen bin, das hat schon ganz schön viel Mut erfordert. Aber der Mut hat mich nicht verlassen, denn ich hatte mir vorher schon Unterstützung gesucht.

 

Anders in unserem letzten Urlaub:

Es war unser letzter Urlaubstag in England. Wir waren in einem grünen, hügeligen Landschaftsgebiet (Bolton Abbey - wunderschön, kennt das jemand?). Dort fließt ein schöner, stellenweise flacher Fluss durch. Es gibt Brücken .... und "Stepping Stones" (wie war noch mal der deutsche Ausdruck?) Meine Söhne (12 und 13) wollten darüber. Kein Problem, ist ja recht flach. Hab ich als Kind auch gemacht. Da rief meine Tochter: "Ich auch!!!" Ich als fürsorgliche Mutter: "Nein, das ist zu gefährlich!" Ich,  als emanzipierte Frau setzte nach: "Na gut, aber ich gehe hinter dir her!" Und dachte: "Ich werde es schon schaffen!"

Meine Tochter sprang fröhlich von Stein zu Stein. Der Fluss war doch ziemlich breit! Und das Wasser strudelte nur so um die Steine herum. Mir wurde schwindelig. Meine Tochter drehte sich um, strahlte mich an: "Mir wird ein bisschen schwindelig, wenn ich auf das Wasser gucke!", rief sie. Ich: "Guck einfach nicht nach unten!" Und schalt mich gleich: Geht doch gar nicht. Man muss ja auf die Steine gucken.

Wir waren etwa auf der Mitte des Flusses angelangt. Das Wasser wurde tiefer und nahm an Geschwindigkeit zu. Es hatte in der Woche viel geregnet. Die Jungs waren schon fast drüben. Mein Mann einige Steine hinter ihnen. Meine Tochter vor mir ging immer noch recht leichtfüssig von Stein zu Stein. Ich war nun schon etwas angespannter. Aber alles gut.... bis .... ja bis der Stein vor mir unter den Füssen meiner Tochter wackelte:

"Mama, der Stein hat gewackelt!", lachte sie. "Ja!!!"

 

Ich war mir ganz sicher, wenn ich jetzt auf diesen Stein treten würde, würde ich ausrutschen. Ich traute mich nicht weiter. Ich versuchte es psychologisch:

Was wäre das Schlimmste, was dir jetzt passieren könnte? Ich würde in Wasser fallen, es würde mir bis zur Taille gehen. Ich würde seitlich fallen. Bis zur Schulter nass sein. Ich würde in eine braune kalte Suppe fallen. Nein! Ich konnte nicht weiter! Meine Füsse wollten nicht. Ich stand da und wusste nicht vor und zurück! Zurück zu gehen war keine Option für mich. Ich wollte nach vorne!  Ich versuchte mich selbst zu überreden. Es ging nicht! Es ging gar nichts!

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit schaute sich mein Mann um.  Anscheinend hat er meinen Gesichtsausdruck deuten können. Er kam zurück, an meiner Tochter vorbei. Hob sie auf einen anderen Stein und gab mir die Hand. Es war ganz leicht. Danach war es auch kein Problem mehr. Dieser wackelige Stein hatte mich völlig aus der Bahn geschmissen. Ich war meinen Mann im wahrsten Sinne des Wortes sehr verbunden  - und dankbar.

 

Dieses Erlebniss hat mich sehr bewegt. Das kannte ich von mir nicht! Wenn ich mir was vornehme, mache ich es auch! Warum hatte ich mich nicht getraut? Andererseits hat es mir gezeigt. Hilfe kommt immer. Von irgendwoher.

Bist du bereit, dich auf etwas einzulassen und eine helfende Hand anzunehmen?

 

Was wäre gewesen, wenn mein Mann nicht dabei gewesen wäre? Ich glaube, ich hätte mir auch von anderen Menschen helfen lassen.... von Fremden, von meinen Söhnen, von meiner Tochter? Es hätte eine Möglichkeit gegeben!

 

Tage später, meine Tochter saß am Tisch, fragte sie mich: Mama, bist du eigentlich mutig? Natürlich dachte ich sofort an dieses Erlebnis: "Manchmal ja, manchmal aber auch nicht", erwiderte ich.

Sie seufzte: "Ich bin nicht mutig!"

"Was??? Du warst doch viel mutiger als ich!!!"

 

Tja, zurück zum Anfang:

Es erfordert Mut, wenn wir aus unserer Komfort-Zone raus wollen. Die ist für jeden anders. Ich wäre nie über diese Steine gegangen, wenn es die Situation mit meiner Tochter nicht erfordert hätte.

Hätte ich mehr Zeit zum Nachdenken gehabt, hätte ich meinen Mann zugerufen, dass er sie mitnehmen solle.

Allerdings war da auch eine kleine Stimme die mir zugeflüstert hatte:

"Los jetzt, trau dich doch mal, das schaffst du doch....!"

Mutig sind wir, wenn wir uns trauen aus unserer Komfort-Zone herauszuklettern, unsere gewohnte schöne Box zu verlassen. 

Das Entmutigt sein, ist also kein Scheitern, sondern eigentlich nur ein Zeichen dafür, dass wir etwas Neues gewagt haben:

Wir haben einen neuen Weg begonnen! Du wählst, ob du ihn weitergehst oder zurück in deine Komfort-Zone fällst. Was könnte dir eine Hilfe sein, damit du nicht entmutigt aufgibst und zurückgehst.

Wie sieht's bei dir aus? Was erfordert deinen Mut?
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Kommentare: 6
  • #1

    Sonja (Mittwoch, 09 November 2016 14:06)

    Liebe Nicole,
    Danke für deinen "mutigen" Beitrag. Er hat mich ermutigt auch was dazu zu schreiben (weil ich gerne von anderen als "mutig" bezeichnet werde):

    Mut ist etwas total Subjektives. Ein Beispiel: Wenn ich erzähle, dass ich meine 3 Kinder alle zu Hause geboren habe, sagen die Leute "Wow du bist mutig! Das würde ich mich nicht trauen." Für mich war für diese Entscheidung überhaupt kein Mut erforderlich - in dem Sinne von ich muss Ängste überwinden, um etwas zu erreichen. Im Gegenteil! Ich war feige! Ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen müssen, dass ich andere Vorstellungen von einer Geburt habe, als das Krankenhaus. Ich wollte meine Vorstellungen während der Geburt nicht verteidigen müssen und so weiter. Ich bin einfach einer unangenehmen potenziellen Konfliktsituation aus dem Weg gegangen. Trotzdem werde ich von 95 % der Bevölkerung wahrscheinlich mutig genannt werden.
    Mut ist also etwas, was nur du selbst bestimmen kannst. Und wenn es eine Handlung ist, die für 95% der Bevölkerung selbstverständlich ist, wie in ein Geschäft zu gehen und nach einem Produkt zu fragen. Wenn es außerhalb deiner Komfortzone ist, dann ist es Mut!

    Und ja, es gibt viele Dinge, wo ich nicht mutig bin:
    - Ich recherchiere lieber im Internet als etwas zu fragen.
    - Ich halte lieber Online Kurse ab, wofür ich mich selbst mit der Kamera aufnehmen muss, als live Seminare.
    - Ich verteidige lieber andere als für mich selbst einzustehen.
    - Ich bin selbständig, statt angestellt.
    Bin ich mutig? Bin ich ein Angsthase? :)

    Alles Liebe,
    Sonja

  • #2

    Nicole Wendland (Mittwoch, 09 November 2016 14:25)

    Liebe Sonja,
    vielen Dank für deinen spannenden Beitrag! Ich sehe es ganz genauso wie du: Was Mut erfordert ist sehr subjektiv, ebenso wie unsere Komfortzone auch durch unsere Persönlichkeit definiert ist. Alles wozu ich mich überwinden muss, erfordert eben Mut. Was deine Frage angeht, ob du mutig bist oder ein Angsthase.... ich finde auf gar keinen Fall! Wir haben doch alle unterschiedliche Persönlichkeiten. Wir tun gut daran, wenn wir uns mit uns selbst arrangieren und uns eine schöne Komfort-Zone einrichten in der wir uns so richtig wohlfühlen. Das ist doch gerade heutzutage total wichtig :) Wollen wir hingegen etwas verändern, dann sollten wir die Nase schon mal aus der Komfort-Zone rausstecken und mutig sein :)
    Liebe Grüße
    Nicole

  • #3

    Sonja (Donnerstag, 10 November 2016 09:53)

    Die Frage bin ich mutig oder bin ich ein Angsthase war eher rhetorisch gemeint, denn ich denke jede/r ist beides. ;)
    Danke für deine Antwort! Mir ist durch das nochmalige Durchlesen meines Kommentars und deiner Antwort gerade klar geworden, dass in meinem Fall "Mut" vielleicht öfter mal das Bleiben und Durchstehen einer Situation wäre, anstatt dem Weitergehen zu neuen Dingen. ;)

  • #4

    Nicole Wendland (Donnerstag, 10 November 2016 18:19)

    Liebe Sonja,
    ich finde auch, wenn man erstmal anfängt über das Thema "Mut" nachzudenken, dann eröffnen sich Welten. Für mich bedeutet "Mut" auch mal zuzugeben, dass ich etwas nicht gut hingekriegt habe, dass ich Hilfe brauche oder zugeben dass ich nachlässig war/etwas vergessen habe :)

  • #5

    Silke van Beuningen (Montag, 28 November 2016 20:00)

    Liebe Nicole,
    vielen Dank für die gut geschilderte und sehr persönliche Geschichte. Veränderungen erfordern Mut. Das ist uns ja allen bekannt und Kinder fordern uns besonders heraus, lassen uns plötzlich in neue Situationen geraten. Durch die neue Situation und den Mutterinstinkt gehen wir automatisch über unsere Komfortzonen-Grenze hinaus. Das kann sehr vorteilhaft sein und ein gute Strategie.
    Danke für diesen kleinen Hinweis und viele Grüße
    Silke

  • #6

    Nicole Wendland (Montag, 28 November 2016 20:56)

    Liebe Silke,
    oh ja, da hast du recht :) Kinder fordern unserem Mut ziemlich oft.... und wenn es auch (nur) darum geht, authentisch zu bleiben und sich nicht von der Meinung anderer beeinflussen zu lassen!

    Herzliche Grüße
    Nicole

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